"Netze im Stress"

„Der immer raschere Zuwachs der volatilen erneuerbaren Energien stellt nicht nur die österreichischen, sondern auch die europäischen Netze täglich vor neue Herausforderungen“, betonte deshalb Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, im Rahmen eines Hintergrundgesprächs der Interessensvertretung. Und sie ergänzte: „Die Netze haben heute Aufgaben zu bewältigen, die sich noch vor einigen Jahren niemand hätte vorstellen können.“

Quelle: Fachmagazin Oesterreichs Energie vom Mai 2013

Die Energiewende ist ein Zukunftsprojekt von europäischer Bedeutung, welches in der Stromversorgung einen Systemumbau im großen Stil erfordert.

Kritische Situationen nehmen zu
Die aktuellen Erfahrungen der APG zeigen, dass kritische Netzsituationen und der notwendige Einsatz von Notmaßnahmen zur Stabilisierung des Stromnetzes zunehmen. Christiner: „2009 waren 1800 Netzeingriffe nötig. Bis 2011 stieg diese Zahl bereits auf 2500.

Gaskraftwerke kippen aus dem Markt
Die derzeitige Entwicklung bereitet ihm jedoch Sorgen: „Die Erneuerbaren sind ganz vorne, die thermischen Energien rutschen aus dem Markt.

Das hat massive Auswirkungen. Wir würden beispielsweise für drei Wochen ein Gaskraftwerk benötigen und haben keines bekommen. Wir laufen Gefahr, dass alle herkömmlichen Kraftwerkseinheiten komplett herausfallen könnten.“ Andererseits sorgt die extreme Volatilität beispielsweise in der Windenergie für enorme Probleme. Christiner: „Wir erstellen jeden Tag Prognosen, nach denen die Händler dann kaufen oder verkaufen. Da werden wir auch immer besser. Aber am 24. März hatten wir eine Fehlprognose von 9000 MW aufgrund von Schwankungen bei Wind und Fotovoltaik in Deutschland. Das Preisniveau rutschte ab und die thermischen Kraftwerke gingen vom Netz. Sogar Frankreich hat da Strom importiert.“ Dabei seien die Probleme gar nicht von Deutschland oder Österreich, sondern von den Netzen in Polen und Tschechien gekommen. Wir haben dann 1000 MW Kraftwerkskapazität hochgefahren, um dem Druck aus Deutschland gegenzuhalten“, schildert Christiner. Dieser Tag verursachte allein für die deutschen Verbraucher Belastungen von 700.000 Euro an Redispatch-Kosten.

Damit spricht Oesterreichs Energie bereits eine sehr klare Sprache, wenngleich nicht alles im Klartext ausgedrückt wird. Es handelt sich eben nicht um ein nationales, sondern um ein europäisches Verbundsystem, dass zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät und daher zur Achillesferse für die europäischen Gesellschaft wird. 

Einmal mehr geht es nicht um die Vorhersage eines konkreten Eintrittszeitpunkts eines möglichen "Blackouts", sondern um die damit verbundenen Konsequenzen! Eine mögliche Schuldigensuche wird weder vor noch nach einem solchen Ereignis einen produktiven Beitrag leisten, da in einem komplexen System keine lineare Ursache-Wirkungs-Zuordnung möglich ist. 

Weiters sollten die Aussagen in "Aktuelle Ausfalls und Störstatistik" Berücksichtigung finden:

Die massive Senkung der Netztarife in den letzten Jahren (bis zu 40 Prozent) bedingte auch eine Verschiebung notwendiger Investitionen. So sind beispielsweise Betriebsmittel nunmehr länger im Einsatz als vor Beginn der Liberalisierung. Die Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit sind noch nicht abzusehen. Die Erhöhung der Nichtverfügbarkeit in den letzten Jahren könnte jedoch eine erste Warnung sein, dass sich diese Erhöhung des durchschnittlichen Alters von solchen Betriebsmitteln in der Versorgungssicherheit niederschlägt.

Eine zunehmend älter werdende Infrastruktur wird anfälliger gegenüber Störungen. Aber auch die zunehmende Technisierung (Stichwort: "Smart") schafft neue Verwundbarkeiten. Daher gibt es eine Vielzahl an Herausforderungen, die in absehbarer Zukunft zu lösen sein werden.  

Eine spezielle Eigenschaft der Versorgungssicherheit ist, dass diese nicht unmittelbar durch aktive Maßnahmen verändert werden kann. Beginnt sie sich zu verschlechtern, so wirken sich Gegenmaßnahmen, wie beispielsweise eine Modernisierung der Anlagen, sehr langsam aus. Erhebliche Verschlechterungen der Versorgungsqualität können jedoch schlagartig auftreten, die man auch mit erheblichem Aufwand nicht schnell auf ihr ursprüngliches Niveau bringen kann.

Womit einmal mehr der Zusammenhang zu komplexen Systemen und der zeitlichen Verzögerung zwischen Ursache und Wirkung hervorgehoben wird. Ein Faktum, das bei unseren kurzfristigen Zeithorizonten all zu oft vernachlässigt wird.

Der Netzausbau kann sicher einen Beitrag leisten, aber es ist nur ein Teilaspekt der Energiewende und damit der zukünftigen Versorgungssicherheit/Strominfrastruktur. Viel entscheidender wäre die aktive Einbindung der Verbraucher - nicht nur als dezentrale Erzeuger - sondern auch in ihrem Verhalten. Eine robuste Energieversorgung der Zukunft wird wohl auf allen Ebenen dezentral/regional funktionieren müssen. Dazu gehört auch, dass der Energieverbrauch drastisch gesenkt werden muss, um die externen Abhängigkeiten zu reduzieren. Es reicht nicht nur der Wechsel der Primärenergieversorgung von fossil auf erneuerbar. Und hier ist noch viel Arbeit zu leisten. 

Die futurezone hat heute das Thema "Blackout: Wie man sich darauf vorbereiten kann" aufgegriffen und aus dem sehr individuellen Blickwinkel beleuchtet.