"Die Angst vor dem Blackout"

Die Sorge vor dem Stromkollaps dient den Konzernen. Manches deutet darauf hin, dass sie deshalb nicht weniger berechtigt ist.

Das deutsche Stromnetz ist heute nur auf den ersten Blick so stabil wie vor einigen Jahren. Zwar zeigt die Statistik der Bundesnetzagentur, dass große Ausfälle nach wie vor sehr selten sind. Den Daten zufolge haben die Deutschen im Jahr 2011 im Schnitt nur für 15,3 Minuten auf Strom verzichten müssen - rund sechs Minuten weniger als fünf Jahre zuvor. Die Statistik aber hat einen blinden Fleck: Kurze Ausfälle für wenige Sekunden oder Spannungsschwankungen für die Dauer von Millisekunden sind bei der Netzagentur nicht erfasst. Erst ein dreiminütiger Stromausfall ist für die Regulierungsbehörde ein Stromausfall.

Quelle: www.wallstreetjournal.de vom 16.06.13

Dabei könnte gerade die Zahl der Kurzzeit-Schwankungen zeigen, wie sehr das Netz schon heute leidet. Das Problem habe sich verschärft, sagt jedenfalls Thomas Gesing. Der Ingenieur beobachtet für den Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) die Qualität der deutschen Stromversorgung. Grund zur Sorge gibt ihm auch eine Studie: In der Umfrage unter den Mitgliedern des VIK aus dem vergangenen Jahr bemängelt jeder fünfte antwortende Betrieb die Stromqualität in Deutschland. Rund 40 Prozent der Umfrageteilnehmer befürchten, dass sich die Versorgung in den nächsten fünf Jahren verschlechtert.

Vor allem Strom aus erneuerbaren Energien ist Auslöser der Sorge. Er ist sauber, doch nicht sicher: Wenn sich Wolken vor die Sonne schieben, fließt der Grünstrom nur noch schwach. Verschwinden die Wolken dagegen, ist Strom auf einmal im Überfluss im Netz. In beiden Fällen gerät die Versorgung in ein Ungleichgewicht. Dann schalten die Netzbetreiber große Kraftwerke ein oder aus. Solche Eingriffe sind noch vor wenigen Jahren seltene Sonderfälle gewesen. Heute sind sie für die Leitstellen täglich dutzendfach geprobte Routine - das allerdings nicht allein wegen der Energiewende. Auch der Wettbewerb auf dem Strommarkt löse Schalthandlungen aus, sagt ein Sprecher des Netzbetreibers Amprion.

Der Berliner Infrastruktur-Forscher Christian von Hirschhausen hält das Netzproblem dennoch für übertrieben. Bis heute gebe es im deutschen Stromnetz "nur marginale Engpässe", sagt der Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie seien zu beherrschen – "ähnlich wie ein täglicher Stau im Berufsverkehr". Es gehe der Stromversorgung "besser als uns die Energiewirtschaft glauben lassen will". Noch immer verfügten die Netzbetreiber über erhebliche Reserven. 

Durchaus kontroversielle Ansichten. Das Gesamtproblem ist aber nicht bei Engpässen sondern bei den zunehmenden Systeminstabilitäten zu suchen. Und in letzter Konsequenz bleibt trotzdem die Frage, was bedeutet es, sollte das Worst-Case-Szenario doch eintreten? Sind wir darauf vorbereitet? Nein!