Stromversorgung & Blackout - April 2013

Komplexität unterschätzt 

Darauf, dass man die ganze Komplexität der Energiewende unterschätzt habe, verwies Hubert Landinger, Energieexperte der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik und Mitglied der Taskforce Energiespeicherung der Energietechnischen Gesellschaft im VDE. Man habe in Deutschland inzwischen zwar die Notwendigkeit des Netzausbaus erkannt, dafür aber bisher der Speicherproblematik nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. „Aber je höher der Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommix wird, desto virulenter wird dieses Thema“, warnte Landinger. Künftige Förderungen müssten daher verstärkt in diese Richtung gelenkt werden. Eine zukunftsträchtige technische Lösung, überschüssige erneuerbare Energie unterzubringen, sieht er in der Produktion von Wasserstoff über Elektrolyse und der Erzeugung von Methan aus diesem Wasserstoff und CO2. Diese Technologie werde künftig auch zu einer zunehmenden Vernetzung der Energieformen von Wärmemarkt, Elektrizität und Transport führen.

Quelle: OE Trendforum: Energiewende darf Stromkunden nicht überfordern

Buch: Energiewende ohne Blackout

Gartmaier, Heinrich. Energiewende ohne Blackout/Wird das Stromnetz zur Achillesferse unserer Gesellschaft? Norderstedt: Books on Demand GmbH, 2012

Dr. Heinrich Gartmair, geb.1956, Studium und Promotion im Fach Elektrotechnik an der TU München, befasst sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Stromübertragungsnetzen.

Der nächste Blackout kommt bestimmt.

Die Themenstellungen sind leider komplex und einfach Patentrezepte nicht in Sicht.

Smart Grids: Schlimmer noch, kaum jemand weiß so genau, wovon es spricht, wenn er das derzeit arg strapazierte Schlagwort in den Mund nimmt.

Störungen, die von einem Punkt ausgehen, können sich über den gesamten Netzverbund ausbreiten.

Neben der gemeinsamen Nutzung von Reserven im Notfall dienen die Netzverbindungen zunehmend auch dem internationalen Stromhandel. Dieser ist daran orientiert, die kostengünstigen Erzeuger zu nutzen. Wenn diese anders als die Verbraucher verteilt sind, ergeben sich daraus großräumige Stromtransporte. Die verbundenen Netze stellen damit so etwas wie eine „Schicksalsgemeinschaft“ dar. 

Der Strommarkt hat mit der Realität, die den physikalischen Gesetzen gehorchen, herzlich wenig zu tun.

Regelleistung/Markt: Es ist ein super Geschäft, nur leider systemgefährdend.

Es sind immer mehrere unglückliche Umstände zusammengetroffen. Blackouts sind nicht die Folge eines singulären Ereignisses, soweit darf man den Netzbetreibern vertrauen.

Tatsache ist, dass mit jedem zusätzlich notwendigen Eingriff das Risiko eines unerwarteten Verlaufs zunimmt.

Natürlich haben die Netzbetreiber Konzepte, wie sie die Stromversorgung nach einem Blackout wieder herstellen – theoretisch. Ob diese Konzepte im Ernstfall zuverlässig funktionieren, wissen die Betreiber nicht und können es nicht wissen.

Unzureichende Erzeugungsleistung: Typischerweise treten solche Situationen bei Hochdruckwetterlagen im Winter in Verbindung mit extremer Kälte auf.

Es ist eher der Normalzustand, dass einige Betriebsmittel bereits an der Belastungsgrenze arbeiten, während andere noch Reserven haben.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Abhängigkeit unserer Gesellschaft von Infrastruktureinrichtungen gewaltig zugenommen, ohne dass und dies bewusst geworden ist. Auch die Abhängigkeit der Infrastrukturbereiche untereinander hat zugenommen. Ohne Strom funktioniert praktisch nicht mehr.

Achillesferse: Dieser Zustand besteht ungeachtet der Energiewende und ist kurzfristig auch nicht zu ändern.

Aber – auch darüber sollten wir uns im Klaren sein – eine übereilte Veränderung der Erzeugungsstruktur kann die Zuverlässigkeit des Netzbetriebs und damit des gesamten Stromversorgungssystems dann erheblich gefährden, wenn diese Veränderung keine Rücksicht auf die Funktionsprinzipien der Netze nimmt.

Es ist vielmehr ein Apell, die Augen vor den unumstößlichen Zusammenhängen nicht zu verschließen und zu akzeptieren, dass die gewohnte Sicherheit unserer Stromversorgung eben nicht selbstverständlich ist.

Dazu wird es notwendig sein, die Stromversorgung als ein Gesamtsystem zu betrachten und nicht als einzelne Bausteine, die man beliebig austauschen kann, ohne dass es Rückwirkungen auf die Funktionalität des Ganzen hätte. Ohne dass wir es bemerkt hätten, ist Strom zur Achillesferse unserer modernen Gesellschaft geworden.

Den ersten Schritt vor dem zweiten zu gehen, ist zwar möglich, aber hoch riskant. Wir probieren es aber gerade aus, ohne uns der Risiken wirklich bewusst zu sein.

 Die Aussagen bestätigen und verstärken die bisherigen Einschätzungen der CSA zum Thema "Stromversorgungssicherheit" voll und ganz. Darüber hinaus wird damit einmal mehr unterstrichen, wie wichtig eine gesamtgesellschaftliche Vorbereitung auf ein solches Szenario ist. 

Langfassung der Zusammenfassung


Tschechien: Dem Stromnetz droht das Blackout

Die erneuerbaren Energien haben auch ihre Kehrseite - und die spüren derzeit vor allem die Tschechen: Wenn an Nord- und Ostsee viel Wind weht, muss der Strom über hunderte Kilometer hinweg nach Österreich und Bayern gebracht werden. Der kürzeste Weg führt über Tschechien. Das dortige Netz ist wegen der Strommenge schon mehrmals fast zusammengebrochen; die Folgen wären in ganz Europa zu spüren. Jetzt planen die Prager eine Art Not-Schalter, mit dem sie die norddeutschen Stromlieferungen nach Österreich unterbrechen können. Eine Reportage aus dem streng bewachten Zentrum, in dem tschechische Experten an Lösungen arbeiten. 

Quelle: Ö1 Europa-Journal vom 29.03.13

Gem. Sendung kam es schon mehrfach zu Beinahe-Blackouts. Die Not-Schalter sollen is 2017 realisiert werden, das wird wohl nicht rechtzeitig genug sein. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob das tschechische Netz bei einem Blackout in Europa weiter funktionieren würde, wohl eher nicht.


Alternativstrom lässt Risiko von Blackouts steigen

Der Klimawandel macht alternative Energiequellen zur Gefahr für die Netzsicherheit in Österreich

Quelle: Der Standard vom 17.04.13

 

Etwas polemisch, denn nicht die alternativen Energiequellen sind die wahre Ursache, sondern unsystemische und unkoordinierte und kurzsichtige Eingriffe in das komplexe System der europäischen Stromversorgung.

Rechtlich grenzt es wohl eher schon an grobe Fahrlässigkeit, was da gemacht wurde: 

  • Der einseitig geförderte, massive Ausbau der erneuerbaren Energiequellen ohne Rücksicht auf das restliche System. 
  • Die zu späte Berücksichtigung des 50,2 Hz Problems bei Wechselrichter.
  • Der massive Ausbau der Off-shore Windkraftanlagen ohne einer entsprechenden Netzanbindung.
  • Die um jeden Preis zu bevorzugende Abnahme von erneuerbaren Strom.
  • Die Marktregulatorien, die über über der Systemsicherheit stehen.
  • u. n. e. m. 

Das Gegenteil von gut ist halt häufig nicht schlecht, sondern gut gemeint. Es gibt hier keine einzelnen "Schuldigen", sondern eine lange Kette von Einzeleingriffen, die sich mittlerweile gefährlich kumuliert haben. Ein Systemkollaps ist jederzeit möglich.