Buch: "Das Risikoparadox - Warum wir uns vor dem Falschen fürchten"

So ziemlich jede Entscheidung basiert auf einem Abwägen von Chancen und Risiken. Allerdings tendiert unser Gehirn dazu, Sinneseindrücke möglichst einfach und übersichtlich zu organisieren. Wir versuchen unsere Wahrnehmung zu erleichtern und uns auf das Wichtigste zu konzentrieren. In Gefahrensituationen ist das sinnvoll. 

Der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman spricht in diesem Kontext von zwei Denksystemen, die den Menschen steuern, ein intuitives und ein rationales, und das intuitive ist weitaus mächtiger als das rationale.

Quelle: RiskNet.de

 

Renn, Ortwin: Das Risikoparadox/Warum wir uns vor dem Falschen fürchten. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2014 

Das schnelle und intuitive System 1 erkennt aufgrund von abgespeichertem Erfahrungen und Wissen blitzschnell Muster und reagiert mit Ad-hoc-Maßnahmen. Es arbeitet vollautomatisch und ohne willentliche Steuerung. Und das ist beispielsweise in Notfällen auch wichtig: Weder der Steinzeitmensch, der plötzlich einem Säbelzahntiger gegenüber steht, noch der Feuerwehrmann, der in einer Krisensituation schnell reagieren muss, haben die Zeit beispielsweise eine strukturierte und komplexe Szenarioanalyse durchzuführen. Ohne System 1, das schnell, unbewusst und in der Regel emotionsgesteuert Entscheidungen herbeiführt, könnten wir als Menschen gar nicht überleben.

Doch bei diesen schnellen und intuitiv gesteuerten Entscheidungen begehen wir auch Fehler, die wir nur dann vermeiden können, wenn wir auch System 2 mit seinen bewussten, langwierigen und nicht selten anstrengenden Überlegungen einschalten. System 2 benötigen wir immer dann, wenn wir Details analysieren, beispielsweise die Ursache-Wirkungs-Ketten eines komplexen Risikoszenarios. Kahneman liefert in seinen Publikationen eine Reihe von Beispielen. Nachfolgend ein kleines Beispiel: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

Wenn Sie zu dem Ergebnis gekommen sind, dass der Ball 10 Cent koste, dann befinden Sie in guter Gesellschaft und sind auf System 1 hereingefallen. System 2 kann das sehr leicht beweisen: Wenn der Ball 10 Cent kostet und der Schläger einen Euro mehr, dann kostet der Schläger 1,10 Euro und beides zusammen 1,20 Euro. Die Antwort muss lauten: Der Ball kostet 5 Cent, der Schläger einen Euro mehr, also 1,05 Euro und beides zusammen dann 1,10 Euro.

Die ganze, sehr empfehlenswerte, Rezension finden Sie auf RiskNet.de

 

Dieses Buch von Otwin Renn ist sehr empfehlenswert und wohl für jeden vernetzt denkenden Menschen eine Bereicherung. Auch wenn im Buch vorwiegend globale Themen adressiert werden (Klimawandel, gesellschaftliche Verwerfungen durch die steigende Kluft Arm/Reich), sind die Entwicklungen im europäischen Stromversorgungssystem eindeutig auch als systemisches Risiko zu klassifizieren. Diese sind durch vier Merkmale gekennzeichnet:

  • Die Wirkung ist tendenziell über nationale Grenzen hinweg. 
  • Es besteht ein hoher Vernetzungsgrad und viele Interdependenzen zu anderen Systemen.
  • Dadurch sind zufällige und nicht-lineare Ursache-Wirkungsketten zu erwarten.
  • Die Auslöser und Auswirkungen werden systematisch unterschätzt. 


Ortwin Renn

"Bei einem systemischen Risiko kommt im schlimmsten Fall nicht nur derjenige, der das Risiko übernommen hat, zu Schaden, sondern auch die meisten anderen, die im selben Umfeld oder in einem funktional davon abhängigen Umfeld tätig sind. Das Risiko verhält sich hier wie ein Krankheitserreger. Er steckt auch die an, die von ihrer Konstitution her eigentlich gesund und widerstandsfähig sind."