Was wir von der Autoindustrie lernen sollten

Nach einer Reihe von Unfällen, die 13 Menschenleben gekostet hat, musste General Motors heuer schon 6,6 Millionen Autos zurückrufen. Kein Einzelfall, wie ein aktueller Bericht in Die Presse zeigt. Was man vielleicht auf den ersten Blick nicht vermuten würde, kann auch der IT/Infrastruktur-Sektor einiges aus diesem Bericht mitnehmen. Aber auch der Rest der Gesellschaft.  

  • Über 20 Millionen Autos wurden in den USA 2013 von den Herstellern in die Werkstätten zurückgerufen.
  • Mit einer Rückrufquote von 131 Prozent lagen die Rückrufe um gut ein Drittel über den Neuzulassungen.
  • Die Zahl der Rückrufe nimmt ständig zu.
  • Gab es im Jahr 1966 noch lediglich 58 Rückrufe, stieg diese Zahl bis zum Jahr 2000 bereits auf 631, 2008 waren es dann schon fast 800. Warum diese große Zahl von durchschnittlich mehr als zwei Rückrufen pro Tag (inklusive Wochenenden), von der Öffentlichkeit eigentlich gar nicht wahrgenommen wird, zeigt eine andere Zahl. Im Schnitt sind von einem Rückruf lediglich 94.000 Fahrzeuge betroffen. Zu wenig, als dass die Aufmerksamkeitsschwelle von Massenmedien überschritten wird.
  • Die wichtigsten Gründe für Rückrufe waren dabei Probleme bei der Elektronik (29,9 Prozent) und bei Sicherheitssystemen wie den Airbags (28,9 Prozent).
  • Doch warum nimmt die Zahl der Rückrufe eigentlich ständig zu? Es wäre falsch anzunehmen, dass Autos grundsätzlich schlechter als früher seien. Im Gegenteil: Die Qualität sei sogar gestiegen. Noch stärker zugenommen habe jedoch die Komplexität der Fahrzeuge. Vor allem im Bereich der Elektronik und der Sicherheitstechnologien seien in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt worden, wodurch Autos sicherer und komfortabler wurden. Gleichzeitig sind diese komplexen Systeme auch anfälliger für Ausfälle.
  • Hinzu komme, dass der Zeitdruck für die Entwickler aufgrund des globalen Wettbewerbs zugenommen hat. Die Modellzyklen wurden dadurch immer kürzer. Um das zu sehen, braucht man gar nicht auf den VW-Käfer zurückblicken, der zwischen 1946 und 1974 zwar leicht adaptiert, im Grunde aber unverändert geblieben ist. Dessen „Nachfolger“ Golf wurde in seinem ersten und zweiten Modellzyklus noch je neun Jahre lang gebaut. Die Modelle Golf III und IV baute VW nur noch je sechs Jahre. Der Fünfer-Golf wurde bereits nach fünf Jahren ersetzt, der Sechser-Golf sogar schon nach vier.
  • Zusammen mit global verteilten Zulieferern, die das Qualitätsmanagement erschweren, und dem in der Branche üblichen Kostendruck sind Fehler programmiert. Und da die Hersteller gleiche Teile auch in immer mehr Modellen verwenden, sind bei einer Rückrufaktion dann schnell einmal ein paar hunderttausend oder sogar Millionen von Autos betroffen.
  • Für die Hersteller ist das Ganze ein gefährliches Spiel. So können Einsparungen von wenigen Euro pro Auto in der Produktion beim Rückruf ein Vielfaches an Kosten verursachen.
  • Am ehesten auf der sicheren Seite ist ein Kunde, wenn er bis zum Kauf eines neuen Modells ein paar Monate, oder besser noch ein bis zwei Jahre nach der Modelleinführung wartet. Denn die meisten Rückrufe gibt es für Fahrzeuge, die kurz nach Modelleinführung gebaut wurden. So kann der Kunde vielleicht verhindern, zum Testfahrer für den Hersteller zu werden.

Wenn man in diesem Text ein paart spezifische Worte austauschen würde, dann könnte man in 1:1 für den IT/Infrastruktur-Sektor übernehmen. Jedoch mit einem ganz wesentlichen Unterschied. Autos stellen noch weitgehend unvernetzte Systeme dar - sie hängen in keinem Netzwerk, wo sich Fehler ungehindert und zeitnah ausbreiten können bzw. muss der Fehler bereits bei der Produktion eingebaut worden sein. Auch wenn die derzeitigen Einbettungen/Abhängigkeiten ein Netzwerk im weitesten Sinne darstellt.

Im Gegensatz dazu wird immer mehr Infrastruktur miteinander vernetzt, bzw. ist bereits heute wechselseitig voneinander abhängig. Fehler bzw. deren Folgen können sich dadurch oft weitgehend ungehindert ausbreiten. Dominoeffekte werden möglich.

Und noch einen wesentlichen Unterschied gibt es - man kann in diesen Sektoren nicht einfach eine Rückrufaktionen starten!

Derzeit ist aber leider in vielen Bereichen zu beobachten, dass wir trotzdem den Pfad der Autoindustrie gehen. Bis jetzt ist ja noch kaum etwas gravierendes schief gegangen. Was wohl auch daran liegen mag, dass wir im Infrastruktursektor noch etwa gut 10 Jahre hinter den Entwicklungen im IT-Bereich sind. Was nicht unbedingt beruhigend ist.